Am 10. Februar (wir nehmen an: 2014, also vor 11 Monaten) löst ein Tweet der "Kölner Gymnasiastin Naina eine Debatte über die Allgemeinbildung an Schulen" aus. Naina nämlich schreibt damals :
"Ich bin fast 18 und habe keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann 'ne Gedichtanalyse schreiben. In vier Sprachen." (20Min.Wil-Winterthur, 16.1.2015, S. 15)Nun hat aber die "24-jährige Zürcherin Chantal Weil" sich bereits am 20. Mai 2013 - also "vor knapp zwei Jahren", wie 20Minuten vorrechnet - zum gleichen Thema geäussert, und zwar mit folgendem Tweet, der 20Min vorliegt:
"Was ich in der Schule nicht gelernt habe: Steuererklärung ausfüllen, Rechnungen bezahlen. Aber, hey, ich kann das Volumen der Sonne berechnen."Laut 20Min ist der Zürcherin Chantal
"sofort klar: Da hat 'jemand abgeschrieben', der Spruch ist praktisch der gleiche."Das wars. Das war die Meldung. Vervollständigt wird sie mit einem Portraitfoto der strahlenden "24-jährigen Zürcherin Chantal Weil" mit der Bildunterschrift:
"Die 24-jährige Zürcherin Chantal Weil twitterte den Spruch zuerst."Fassen wir zusammen: Am 16. Januar 2015 berichtet 20Min auf Seite 15, dass ein Tweet vom Februar 2014 einen Tweed vom 20. Mai 2013 plagiiert. Einziger Beleg für diese Vermutung ist offenbar eine Aussage der 24-jährigen Zürcherin Chantal Weil. Andere Quellenangaben oder Belege jedenfalls liefert 20Min nicht.
Beide Tweets befassen sich mit der Angst, dass man in der Schule nicht lernt, was man im Leben braucht. Einer Angst also, mit der sich die Bildungspolitik seit 2000 Jahren herumschlägt; einer Angst auch, die jeden adoleszenten Mittelschüler, jede adoleszente Mittelschülerin plagt; einer Angst schliesslich, die man in Anlehnung an einen Buchtitel von Johanna Spyri ausdrücken könnte mit der Frage: Kann Heidi wirklich brauchen, was es gelernt hat?! Kurz: Dass wir in der Schule nicht alles lernen, was wir für's Leben brauchen, ist ein Allgemeinplatz. Nur für die Redaktion von 20 Min kommt offenbar nicht in Frage, dass zwei junge Menschen unabhängig voneinander einen ähnlichen Gedanken haben, den sie ähnlich ausdrücken.
Bezüglich Syntax und Lexikon jedenfalls sind die zwei Tweeds nicht 'praktisch der gleiche', wie 20Min zitiert, sondern ungefähr so deckungsgleich wie ein Apfel und ein Hufeisen - zwei Gegenstände, von denen 20Min offenbar hofft, dass seine LeserInnen sie nicht auseinanderhalten können.
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