Donnerstag, 28. Februar 2013

"Wollte Kranzschwinger Amokläufer stoppen?"*

fragt 20Minuten heute in seiner täglichen Schlagzeile. Natürlich hat die Schlagzeile nichts mit den Ereignissen in Menznau zu tun, wo drei Menschen beim Amoklauf eines Arbeiters der Holzfirma Kronospan gestern ihr Leben verloren haben, darunter besagter Kranzschwinger, und natürlich ist die Frage nicht ernst gemeint, denn keine der Informationen, die 20Minuten vorliegen, deuten darauf hin, dass der Schwinger ein Held sein wollte:
"Die Kugeln verletzten sieben Mitarbeiter teils schwer, zwei weitere - die Mutter C.N. (43) und der Kranzschwinger Benno Studer (26) - fanden den Tod. Der gelernte Schreiner war möglicherweise eine der mutigen Personen, die sich Viktor B. in den Weg stellten. "Mehrere Mitarbeiter gingen auf ihn los", sagt ein Leserreporter. Andere bestätigen dies."
*(20Min, 28.02.2013, Wil-Winterthur, p. 2)
So, so, "möglicherweise" also. NIEMAND hat gesehen, wie der Kranzschwinger sich jemandem in den Weg stellt. Das zentrale Stück Information - Mitarbeiter gingen auf in los - stammt von einem anonymen Leserreporter, basiert auf Hörensagen - es sei denn, der Leserreporter war bei der Schiesserei anwesend, in welchem Fall man ihn *Augenzeuge* nennen müsste - und sagt nichts über den Kranzschwinger aus. Der Nachsatz "Andere bestätigen dies" ist in seiner Vagheit ein Indiz dafür, dass wirklich kein Sachverhalt vorliegt und der Verfasser der Story ohne Hosen schreibt.

Solche Schlagzeilen sind die Reflexbewegung einer Zeitung, die Tragisches, Schlimmes nicht darstellen kann als das, was es ist - tragisch und schlimm - sondern einen Thrill generiere muss, eine Story, ein Filmli - Unterhaltung eben.
Mit gleichem Recht darf, wer unter seinen Bekannten Zeitungsleser a.k.a. Leserreporter finden kann, die sich den entsprechenden Sachverhalt ev. vorstellen und ihre Meinung anonym auch äussern mögen, fragen:

War mörderischer Amokläufer ein 20Minuten-Leser?!

oder:

Ist 20Minuten die Pferdefleischlasagne der Schweizer Zeitungslandschaft?!

*(20Min, 28.02.2013, Wil-Winterthur, p. 1)


If it's free you're not the customer. You're the product being sold.

Mittwoch, 27. Februar 2013

Schinken auf Mazze *

Hunger auf dem Heimweg! Hopp in die Sprünglifiliale am Bahnhof!
"Eine Fastenwähe bitte."
"Haben wir heute nur noch mit Bresola, leider"
"Bresola!? Sie meinen... Fleisch?"
"Ja, Fleisch"
"Aber, Fastenwähen sind doch ein Fastengebäck. Immerhin etwas, das Sprüngli nur zur Fastenzeit macht. Und Bresola ist Fleisch. Ich meine ... FLEISCH."
Wir kommen überein, dass es tatsächlich ein Widerspruch ist, aber es verkaufe übrigens auch der Coop Fastenwähe mit Fleisch. Und als sie mir das Retourgeld gibt, sagt die Verkäuferin:
"Eigenartig, Ich habe mir das so noch nie überlegt."
Gekauft habe ich ein Butterbretzeli. Etwas salzig. Und 20Minuten kann nichts dafür.

*heisst das Buch v. Ch. Haller & E. Schneid, erschienen Anfang 1990er-Jahre

Sonntag, 24. Februar 2013

Kontrastprogramm

Wochenende. 20Minuten-frei. Schauen wir uns die alten Fotos eines Kindermädchens an:

Wir sind traurig und empört!

- bzw 20minuten ist. M13 nämlich, der sympathische Schlagzeilengenerator und kindlifressende Kontroversenliferant, ist tot. Gemordet von einem Bündner. Kein
"m13 auf Schulplatz: Poschiavo in Angst"*
*Ausrufezeichen*, kein
"Einbruch in Chalet - droht m13 Abschuss"*
*Fragezeichen*, kein
"Problembär entpuppt sich als "Bärlock Holmes"*
*Augenzwinker* mehr.

20 Minuten druckt in einem Anflug von Sentimentalität die ehemaligen Schlagzeilen auf Seite 3 der heutigen Ausgabe nochmals ab - neben einem Bericht über die Empörung, die der Abschuss unter den 20Minuten-Online-Usern ausgelöst hat - und der anscheinend allgemeinen Erleichterung im Püntnerland. Aber was soll anderes entstehen als grosse Empörung, wenn man sich mit tendenziösen Schlagzeilen Leser heranzüchtet, die den Bären dann durch die Schlagzeilenbrille wahrnehmen. Was soll anderes entstehen als grosse Angst, wenn man die Begegnung zwischen Bär und Mensch so stark dramatisiert wie 20 Minuten kürzlich in seinen Berichten über die Begegnung zwischen einem Mädchen und dem Problembären (niemand berührt, angeknurrt oder verletzt)?
Damit ein Bär in der Schweiz Platz hätte, bräuchte es Aufklärung, Information, Bildung, Entdramatisierung. 20Minuten kann das alles nicht leisten. Sorry, information is not our job, thank you very much.

*(20Min, 21.02.2013, Wil-Winterthur, p. 3)


If it's free you're not the customer. You're the product being sold.


Dienstag, 19. Februar 2013

das Unfassbare

20Minuten meldet auf der Titelseite heute unter der Schlagzeile
"Schlammlawine spült Auto in See" (20Min, 19.02.2013, Wil-Winterthur, p. 1),
dass zwei Autoinsassen letzte Nacht grosses Glück hatten; im Lead zum eigentlichen Artikel auf Seite 3  ist aus der Schlammlawine dann ein Erdrutsch geworden, der nicht mehr spült, sondern reisst:
"Ein Erdrutsch riss ihren Wagen in den Thunersee" (20Min, 19.02.2013, Wil-Winterthur, p. 3)
Da haben zwei unterschiedliche geologische Phänomene am Thunersee letzte Nacht offenbar zusammengefunden und gespült und gerissen. Sie sind zwei Menschen begegnet, die nach Mitternacht im selben Auto unterwegs waren:
"Wir haben ein zweites Leben geschenkt bekommen", so Barbara Jorns (39). Sie und ihr Begleiter Georg Schenk (50), der am Steuer sass, waren in der Nacht auf gestern von Interlaken in Richtung Thun unterwegs, als um etwa 0.30 Uhr bei Gunten das Unfassbare geschah: Ein Erdrutsch löste sich und kam genau an der Stelle auf die Strasse nieder, die sie gerade passierten (20Min, 19.02.2013, Wil-Winterthur, p. 3)
Das Ereignis ist tatsächlich aussergewöhnlich. Und es ist eine tolle Geschichte, dass die beiden Insassen sich aus dem Auto retten konnten. Aber "unfassbar"? Schwierig zu Berechnendes und statistisch Seltenes ist unfassbar? Hat 20Minuten ein derart animistisches Weltbild? Immerhin ist uns die "Wie-durch-ein-Wunder"-Keule erspart geblieben, mit der 20Minuten üblicherweise auf jedes Ereignis einprügelt, bei dem ein menschliches Wesen grossen Beschleunigungs- oder Scherkräften ausgesetzt ist und dem Wrack oder der Ruine fast unbeschadet entsteigt. Aber die "Wie-durch-ein-Wunder"-Keule war ev. einfach nicht zur Hand weil am Hinduismus-Fest*, wo man sie benötigt hat, damit es dort auch metaphysisch genug hergeht.

*siehe unten, "Christentums-Fest"

If it's free you're not the customer. You're the product being sold.

Ein Christentums-Fest und ein Verkehrsbauer

Heute gleich zwei Schnitzer, die in die gleiche Kerbe hauen:

Exhibit A:

Als Bildlegende unter dem Foto dreier Männer in weissem Gewand mit durchstochenen Wangen schreibt 20Minuten:
"Andere Länder, andere Sitten: bei einem traditionellen und vor allem spektakulären Hinduismus-Fest [...] warten Gläubige darauf, [...] über glühende Asche zu gehen." (20Min, 19.02.2013, Wil-Winterthur, p. 3)
Hinduismus-Fest? Wirklich? Es war kein hinduistisches Fest? Und Weihnachten ist kein christliches sondern ein Christentums-Fest? Chanukka ein Judentums-Fest, kein jüdisches? Werden bei diesem Fest das Christentum, das Judentum, der Hinduismus gefeiert? Natürlich nicht. Gefeiert wird etwas anderes, schwer benennbares, dem die jeweilige Religion Rahmen und Form gibt, deshalb ist es ein Fest in der Tradition der jeweiligen Religion, eben ein [insert any Religion here]-i(s)ches Fest.

Warum ärgert mich dieser Fehler (und der sprachliche Gestus der ganzen Bildlegende) so besonders? Weil er zeigt, wie wenig sich 20Minuten für die Welt interessiert über die es vorgibt zu berichten. Interesse an der Welt würde zu Sorgfalt im Umgang mit Wörtern führen.
Und Asche übrigens glüht nicht.

Und weiter hinten in der selben Ausgabe Exhibit B:

Unter dem Titel
"Schweizer Rüstungsfirmen leiden"
schreibt 20Minuten auf Seite 15:
 "Das Umfeld ist in den vergangenen Jahren schwieriger geworden", bestätigt Pascal Kopp vom Schweizer Rüstungsbauer GDELS-Mowag."  (20Min, 19.02.2013, Wil-Winterthur, p. 15)
So, so. Rüstungsbauer. Mowag bauen Rüstungen. Nicht Radpanzer. Nicht militärische Nutzfahrzeuge. Rüstungen. So wie Audi Verkehr baut, nicht Autos. Rüstungsbauer. Hinduismus-Fest. 20Minütige Fehler.

If it's free you're not the customer. You're the product being sold.

Montag, 18. Februar 2013

Fahrgast im Generalstab

Heute steigt in den Zug nach Winterthur ein Mann, um die 45 und so gross wie ein Fünftklässler, klein also; er trägt Uniformteile der Schweizer Armee 61, nämlich das tannengraue Pöstler-Käppi eines Obersten und die Generalstabshose mit dem imposanten Streifen an der Seite. Dazu wollene Beinstulpen wie ein sehr kleiner Ballettänzer in der Aufwärmphase, so dass die Generalstabshose sich am Oberschenkel reithosenartig aufplustert. Über einem dunklen Blouson trägt er - die Riemen um die Taille und schräg über Brust und Rücken montiert - ein Offizierskoppel aus Leder mit Pistolenholster - honigbraunes Leder, genarbt von sorgfältigen Diensttagen in der Schweizer Armee. Der Mann inspiziert den Spielwagen im Doppelstöcker und isst dazu ein Paprika-Pommes-Chips. Dass das Holster ohne Inhalt ist, kann man nur vermuten. Er richtet das Wort an einige Kinder. Die Eltern geben Antwort, das Gespräch tönt sehr höflich. Dann findet der kleine Mann weiter vorne ein Abteil und setzt sich. Das Käppi mit den drei goldenen Streifen setzt er neben sich aufs Polster, schaut dann bedächtig aus dem Fenster, der Zug fährt an.  Kein Skandal. Nirgendwo 20Minuten in Sicht, auch kein eifriger Leserreporter. Glück gehabt.


Sonntag, 17. Februar 2013

Geburtstagskarawane...










... am Samstag. So kommt es, wenn man im Winter geboren ist und ein abgelegenes Fest macht. Gegen Ende weinende Kleinkinder und erschöpfte Eltern. War eine schöne Wanderung. Alles Gute zum 40ten!

Samstag, 16. Februar 2013

Donnerstag, 14. Februar 2013

Wendys Zukunft

20Minuten fragt heute in der Bildlegende unter einem Foto der jungen Schweizer Skirennfahrerin Wendy H:
"Blickt Wendy Holdener einer erfolgreichen Zukunft entgegen?"
(20Min, 14.02.2013, Wil-Winterthur, p. 43)
Natürlich ist die Frage nicht ernst - nämlich als ehrliche Frage - gemeint. Denn im Fliesstext weiss 20Minuten bereits, wie die Zukunft von Frau H. aussehen wird:
"Wendy Holdener steht vor einer grossen Zukunft. Vorerst will sie diese in den technischen Disziplinen angehen, sie träumt aber auch davon, sich später an die Abfahrt zu wagen."
(20Min, 14.02.2013, Wil-Winterthur, p. 43)
Sehen wir ab vom Umstand, dass man zwar Probleme angehen kann und jemanden - um Geld beispielsweise -, nicht aber die eigene Zukunft und dass umgekehrt aber die eigene Zukunft einen angehen kann, nämlich etwas. Was ärgerlich ist, sind Fragen, die so tun als wären sie welche. Fast so ärgerlich wie Information, die tut, als wäre sie welche.

If it's free you're not the customer. You're the product being sold.

Mittwoch, 13. Februar 2013

Fahren mit sms.

20Minuten informiert heute auf der Titelseite über eine Statistik des Bundesamtes für Strassen:
"Letztes Jahr mussten 10232 Autofahrer den Fahrausweis abgeben, weil sie hinter dem Steuer ein sms geschrieben, das Navi bedient oder ein E-Mail beantwortet hatten. Das sind knapp 700 Ausweisentzüge mehr als noch im Vorjahr"(20Min, 13.02.2013, Wil-Winterthur, p. 1)
In der ausgebauten Version der Titelgeschichte auf S. 3 wird dasselbe dann nochmals anders -bzw. etwas anderes - gesagt:
"10232 Personen mussten im letzten Jahr ihren Fahrausweis wegen Unaufmerksamkeit hinter dem Steuer abgeben. Dies sind laut dem Bundesamt für Strassen (astra) fast 7 Prozent mehr als im Vorjahr." (20Min, 13.02.2013, Wil-Winterthur, p. 3)

Das macht einen Fehler pro 3 Zahlen (wenn man die Zahl im Zeitungsnamen nicht mitrechnet). So kommt es, wenn 20Minuten statt aufmerksam, anständig und brav vor dem Computer seinen täglichen Minimalartikel zu verfassen hauptsächlich nebenher sms schreibt. Können wir bitte dieser Zeitung den Führerschein wegnehmen?

If it's free you're not the customer. You're the product being sold.

Montag, 4. Februar 2013

See und Wald

Didn't work today. Snow in the morning, then sun, snow again later. Thought about taking up analogue b/w photography again. I would have to buy an enlarger though. In St. Gallen mein neues Vorbereitungsbuch gekauft für's nächste halbe Jahr. Der Umschlag hat eine Farbe von Eierschale bis Elfenbein. Feine Textur, wie Seide. Sehr schön.

Zwei Bilder aus dem letzten Monat: Fähre nach Friedrichshafen und Wiesenthal, auf dem Weg zu Ms Beerdigung:







Sonntag, 3. Februar 2013

Sonntagsschnee

Aufgestanden gegen 10, aus dem Fenster geschaut, es schneit!, in die Küche gerannt für die Kamera - schnell, schnell, das schmilzt ja alles gleich und jemand trampelt drein -  Fenster aufgerissen, Foto gemacht: