Montag, 26. Mai 2014

Wir sind wieder wer!

20Min eröffnet die Woche und das heutige Blatt mit dem "unverhofften" Auftritt von Frau Xenia Tchoumitcheva "auf dem roten Teppich in Cannes".  Zwar dürfen auch die EU-Wahlen - "400 Millionen Europäer haben gewählt" - auf die Frontseite, und mit einer höheren Schlagzeile, aber die 400 Millionen EuropäerInnen müssen sich ihre Hälfte  der Titelseite mit dem Werbekunden Marionnaud ("-40% auf alle Lippenstifte und Lipglosse") teilen und - anders als der Bericht über Frau T - ohne Foto auskommen.

Hier der Titelbericht über Frau T, in seiner vollständigen Gänze:
"Sie ist weder Schauspielerin noch Filmproduzentin - und doch hat es Xenia Tchoumiteva am Filmfestival in Cannes auf den roten Teppich geschafft. Die Crew des Films "Five thirteen" - alles Männer - haben sie ' als Hingucket gebraucht', so die Tessinerin. Damit war der grosse Auftritt für die 26-jährige aber noch nicht vorbei: am Abend durfte sie an die legendäre Amfar-Gala und sass am Tisch von Starkünstler Damien Hirst." (20Min, 26.5.2014, S. 1)
Nochmals: für diesen Bericht reserviert 20Min am Montag nach dem grossen Europäischen Wahlwochenende die halbe Frontseite. Moll, im Ernst. Dass eine junge Schweizerin in Cannes ans Katzentischchen darf ist für dieses Gratisblatt einfach der bessere Hingucker als Demokratie in Europa.


If it's free, you're not the customer; you're the product being sold.

Mittwoch, 21. Mai 2014

teach the controversy

verlangen Vertreter des "intelligent design" - Konzeptes (ID), wenn sie mit Vertretern der wissenschaftsbasierten Weltsicht debatiere, und sollen SchülerInne also beide Konzepte der Entwicklung allen Lebens unterrichtet erhalten: das biblische und das naturwissenschaftliche. Das sei fair.

Ganz im Geiste von "teach the controversy" bringt 20Min heute die zweite Sichtweise auf den "Glanz & Gloria"-Auftritt der "Millionärsgattin" I. Beller, nämlich jene von Dani Fohrler, Glanz-&-Gloria-Moderator, und liefert wie für Fortsetzungsgeschichte üblich am Anfang ein kuzes "Was-bisher-Geschah":
"Millionärsgattin Irina Beller prügelte gestern in 20 Minuten verbal auf 'G&G'-Moderator Dani Fohrler ein. Jetzt redet er." (20Min Wil-Winterthur, 21.5.2014, S. 17)
Worauf Herr Fohrler 6 Fragen zum "Vorfall" beantworten darf, dabei eine weitaus entspanntere Figur macht als gestern Frau B und fürs 20Minuten nochmals eine halbe Seite füllt. Die andere Hälfte ist für Werbung reserviert und also fürs Geldverdienen. Es ist die wichtigere Hälfte. Was auf der unwichtigen Hälfte steht - ob Herr F. erzählt oder Frau B. - ist gleich.

Denn wie das Teach-the-Controversy-Getue der ID-Vertreter zielt die Gratiszeitung auf Aufmerksamkeit ab, nicht auf Information.  Aufmerksamkeit nämlich lässt sich verkaufen. An Werbekunden. Information nicht.

If it's free you're not the customer; you're the product bein sold.

Dienstag, 20. Mai 2014

Da haben sich zwei gefunden, ...

...20Min nämlich und Irina Beller, "Millionärsgattin" von Beruf und Buchautorin ('Hello Mr. Rich') und ausserdem bitter enttäuschter Talkgast der letztwöchigen "Glanz&Gloria"-Sendung auf SRF. Weshalb jetzt 20Min sich anheischig macht, Frau B mit einem 'Interview' zu trösten, das unter dem Titel "Irina Beller: 'Dani Fohrler ist ein unfähiger Clown'" erscheint und zu dem 20Min ganze 3 Fragen und 2 Aussagen beisteuert, nämlich:
"Frau Beller, warum haben Sie sich beim SRF so aufgeregt?"
"Hat man Sie denn nicht auf die Fragen vorbereitet?"
"Werden Sie jemals wieder zu "Glanz & Gloria" gehen?"
"Die Stimmung war schon von Anfang an mies."
"Und der Champagner, den Sie bekommen haben, war warm…"
und Frau B. daraufhin dem 20Min anvertraut, nicht mal Champagner sei es gewesen sondern Prosecco, und dass bei Fam. B. zu Hause man "nur den besten Champagner" trinke, im Fall.

Ironisch ist der Umstand, dass die Millionärsgattin den unfähigsten Clown in der Deutschschweizer Zeitungslandschaft auswählt, um sich über Fernsehclowns und das Champagnertrinken auszulassen;  einen Zeitungsclown zudem, der jeden Tag daherkommt - in Gestus, Sprache, Themenauswahl - als hätte er ein Fläschchen Rasierwasser getrunken.

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(Alle Zitate: 20Min Wil-Winterthur, 20. 5. 2014, S. 16)

Montag, 12. Mai 2014

Autriche, douze points - Conchita wins!

"Die Sensation ist perfekt:"
beginnt 20Min seinen Artikel über den Eurovision Song Contest 2014. Conchita nämlich, die Frau mit Bart, der Mann im Abendkleid, hat gewonnen. 'Sensationell' daran ist aber - folgt man der 20Min-Logik - die Herkunft von Herr/Frau Wurst, denn der Sensationssatz geht so weiter:
"Conchita Wurst alias Tom Neuwirth gewann am Samstag erstmals seit 48 Jahren wieder den Eurovision Song Contest für Österreich". (20min Wil-Winterthur, 12.5.2014, S. 1)
20Min hat richtigerweise gespürt, dass der Ausgang des diesjährigen Eurovision Song Contest aussergewöhnlich ist. Das schmale Kategorienspektrum der Zeitung  stellt für diesen Umstand nur die Bezeichnung "Sensation" zur Verfügung. Und zwar eine "perfekte" Sensation, keine halbbatzige. Worin genau die "Sensation" besteht, kann 20Min dann schon nicht mehr recht ausdrücken. Ist es der Umstand, dass Europa eine bärtige Frau, einen Mann im Pailletten-Kleid, eine homosexuelle "Travestiekünstlerin" so sympathisch findet, dass man ihn/sie zur/zum Siegerin/Sieger wählt? Und dass das etwas über die europäische Gesellschaft aussagt?

Nope. 'Sensationell' ist offenbar, dass Österreich nach 48 Jahren wieder gewinnt. Eine differenziertere Aussage kriegt 20Min nicht auf die Reihe. Und wenn wir genau hinsehen, schafft es 20Min, sogar diese einfache Aussage gegen die Wand zu fahren: Nimmt man den Satz grammatikalisch ernst, dann sagt er nämlich, dass schon vor 48 Jahren Frau Wurst/Herr Neuwirth für Österreich gewonnen hat; richtig wäre z. Bsp: "Mit C.W. alias T.N. gewinnt Österreich erstmals seit 48 Jahren usw." 

Tatsächlich sensationell aber ist der Umstand, dass eine Zeitung jahrelang läppische, undifferenzierte, aufgeblasene Texte produziert und damit durchkommt in einer Gesellschaft, die einmal Wert gelegt hat auf Sorgfalt und Zuverlässigkeit.

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