Samstag, 17. Januar 2015

Wort für Wort total verschieden

Die sorgfältigste Zeitung der Schweiz berichtet heute auf Seite 15 unter dem Titel "'Sie hat den Tweed abgeschrieben'" über abgeschriebene Tweeds:

Am 10. Februar (wir nehmen an: 2014, also vor 11 Monaten) löst ein Tweet der "Kölner Gymnasiastin Naina eine Debatte über die Allgemeinbildung an Schulen" aus. Naina nämlich schreibt damals :
"Ich bin fast 18 und habe keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann 'ne Gedichtanalyse schreiben. In vier Sprachen." (20Min.Wil-Winterthur, 16.1.2015, S. 15)
Nun hat aber die "24-jährige Zürcherin Chantal Weil" sich bereits am 20. Mai 2013 - also "vor knapp zwei Jahren", wie 20Minuten vorrechnet - zum gleichen Thema geäussert, und zwar mit folgendem Tweet, der 20Min vorliegt:
"Was ich in der Schule nicht gelernt habe: Steuererklärung ausfüllen, Rechnungen bezahlen. Aber, hey, ich kann das Volumen der Sonne berechnen."
Laut 20Min ist der Zürcherin Chantal
"sofort klar: Da hat 'jemand abgeschrieben', der Spruch ist praktisch der gleiche."
Das wars. Das war die Meldung. Vervollständigt wird sie mit einem Portraitfoto der strahlenden "24-jährigen Zürcherin Chantal Weil" mit der Bildunterschrift:
"Die 24-jährige Zürcherin Chantal Weil twitterte den Spruch zuerst."
Fassen wir zusammen: Am 16. Januar 2015 berichtet 20Min auf Seite 15, dass ein Tweet vom Februar 2014 einen Tweed vom 20. Mai 2013 plagiiert. Einziger Beleg für diese Vermutung ist offenbar eine Aussage der 24-jährigen Zürcherin Chantal Weil. Andere Quellenangaben oder Belege jedenfalls liefert 20Min nicht.
Beide Tweets befassen sich mit der Angst, dass man in der Schule nicht lernt, was man im Leben braucht. Einer Angst also, mit der sich die Bildungspolitik seit 2000 Jahren herumschlägt; einer Angst auch, die jeden adoleszenten Mittelschüler, jede adoleszente Mittelschülerin plagt; einer Angst schliesslich, die man in Anlehnung an einen Buchtitel von Johanna Spyri ausdrücken könnte mit der Frage: Kann Heidi wirklich brauchen, was es gelernt hat?! Kurz: Dass wir in der Schule nicht alles lernen, was wir für's Leben brauchen, ist ein Allgemeinplatz. Nur für die Redaktion von 20 Min kommt offenbar nicht in Frage, dass zwei junge Menschen unabhängig voneinander einen ähnlichen Gedanken haben, den sie ähnlich ausdrücken.
Bezüglich Syntax und Lexikon jedenfalls sind die zwei Tweeds nicht 'praktisch der gleiche', wie 20Min zitiert, sondern ungefähr so deckungsgleich wie ein Apfel und ein Hufeisen - zwei Gegenstände, von denen 20Min offenbar hofft, dass seine LeserInnen sie nicht auseinanderhalten können.


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Dienstag, 13. Januar 2015

Der Transport von Illusionen

"Gleichsetzungen des Wünschbaren mit dem Verwirklichbaren bildeten von der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts an das Verfahren, das der "Zeitgeist" bevorzugte, um seine Parolen auszustreuen. Zur selben Zeit hatte die Massenpresse im Transport von Illusionen zu den Endabnehmern ihre wichtigste Aufgabe erkannt - tatsächlich sind die Medien in der Ära der hohen Auflagen weniger Erklärungsorgan für ein lernendes Publikum als Anbieter von Diensten im auto-operativ gekrümmten Raum des massenhaften Sich-Täuschen-Lassens." (P. Sloterdijk: Du musst dein Leben ändern. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 2009. S. 620)

Montag, 8. Dezember 2014

Die Zeitung für Erstklässler und -Innen

20Min hat in diesen Tagen Geburi. 20Min wird 15. Und wie es sich für die bescheidenste Zeitung der Schweiz gehört, schlägt  20Min den Jahrestag gehörig breit und feiert schon 8 Tage vorher. Von ihrer Erfahrung mit der Zeitung darf heute Leonie Camenzind berichten, die am Tag der Erstausgabe geboren wurde:
"Ich kenne 20Minuten von meinem Schulweg seit der ersten Klasse. Damals konnten meine Freunde und ich noch nicht lesen. Wir stoppten beim Kasten und nahmen uns je eine Zeitung heraus. Damit spielten wir lesende Erwachsene" (20Min, Wil-Winterthur, 8.12.2014, s. 5)
Ich mag diesen Bericht. Er ist härzig. Er bringt aber auch das Geschäftsmodell von '20Minuten' auf den Punkt: 20Minuten ist eine Zeitung für Erstklässler, die Erwachsene spielen. Es geht um die Form, um den Gestus des Erwachsen-Seins. So tun, als würde man lesen. Das ist die Erfahrung, die 20Minuten den Pendlern an den Bahnhöfen bietet; wie Lesende zu wirken. Das Gelesene ist unwichtig.

Anders aber als die ehemalige Erstklässlerin Leonie Camenzind, die jetzt ein Teenager ist und lesen kann und sich weiter verändert, entwickelt und reift, muss 20Min auf immer ein Teenager bleiben, der so tut als würde er schreiben.

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Mittwoch, 25. Juni 2014

Das gibt ein Ungenügend in Biologie!

Unter dem Titel "So demontiert man eine Rap-Legende" berichtet 20Min heute über ein neues Musical am Broadway, das auf dem Leben von Tupac Shakur - der titelgebenden 'Rap-Legende' - beruht. 20Min hat das Musical  natürlich nicht gesehen sondern plappert Zeitungsberichte nach und kommt dann zu folgendem Urteil:
"In seinem von Tupac Shakur inspirierten Musical 'Holler if ya Hear Me' vereint der Regisseur das Gangsta-Leben in L. A. mit Tanz- und Gesangseinlagen zu einer unpassenden Symbiose". (20Min. Wil-Winterthur, 25. 6. 2014)
Eine 'Symbiose' ist, wenn zwei Organismen sich zusammentun, weil von der Lebensgemeinschaft beide profitieren. Schon deshalb gehen die Wörter 'unpassend' und 'Symbiose' nicht zusammen. Läge eine symbiotische Beziehung vor, müssten das Gangster-Leben von den Tanz- und Gesangseinlagen profitiert und diese vom Gangsterleben. Beide sind aber keine Lebewesen. Und wären sie welche, und würden sie voneinander profitieren, dann wäre die Symbiose nicht unpassend, weil bei einer Symbiose keine Rolle spielt, was Drittparteien - in unserem Fall die Zuschauer - davon halten.

Die Aussage, 20Minuten und die Schweizer Zivilgesellschaft würden eine symbiotische Lebensgemeinschaft bilden, wäre ebenfalls grundfalsch. Weil nicht beide Teile davon profitieren. Und wenn einer profitiert auf Kosten des Andern, dann ist es keine Symbiose.

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Montag, 2. Juni 2014

'Wie-durch-ein-Wunder'-Watch

"Autofahrerin hatte Schutzengel" diagnostiziert heute 20Min auf Seite 6, weil bei Hundwil am Samstag eine junge Frau mit ihrem Auto von der Strasse abkam, "über die Stützmauer hinunter" stürzte, sich mehrmals überschlug (das Auto) und "schliesslich auf den Rädern stehen" blieb:

"Mit ein paar leichten Verletzungen konnte die Frau das total beschädigte Auto selbst verlassen"

Ob der Schutzengel im Wagen der Frau mitfuhr oder sie von seinem Büro im Himmel aus beschützte, hat 20Min nicht berichtet.

Offenbar hat der Einsatz den Schutzengel derart erschöpft, dass er sich nicht um einen Motorradfahrer kümmern konnte, als dieser am nächsten Tag in Grabs "gegen einen abbiegenden Milchtransporter" prallte. Der Mann "wurde schwer verletzt und von der Rega ins Spital geflogen", wie 20Min auf der selben Seite 6 berichtet.
Allerdings: der Motorradfahrer hätte beim Unfall sterben können; möglicherweise hatte er also sehr wohl einen Schutzengel und 20Min weiss einfach nichts davon? Und berichtet deshalb nicht?

Wer das Schutzengel-Treatment erhält jedenfalls ist recht undurchschaubar.

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Montag, 26. Mai 2014

Wir sind wieder wer!

20Min eröffnet die Woche und das heutige Blatt mit dem "unverhofften" Auftritt von Frau Xenia Tchoumitcheva "auf dem roten Teppich in Cannes".  Zwar dürfen auch die EU-Wahlen - "400 Millionen Europäer haben gewählt" - auf die Frontseite, und mit einer höheren Schlagzeile, aber die 400 Millionen EuropäerInnen müssen sich ihre Hälfte  der Titelseite mit dem Werbekunden Marionnaud ("-40% auf alle Lippenstifte und Lipglosse") teilen und - anders als der Bericht über Frau T - ohne Foto auskommen.

Hier der Titelbericht über Frau T, in seiner vollständigen Gänze:
"Sie ist weder Schauspielerin noch Filmproduzentin - und doch hat es Xenia Tchoumiteva am Filmfestival in Cannes auf den roten Teppich geschafft. Die Crew des Films "Five thirteen" - alles Männer - haben sie ' als Hingucket gebraucht', so die Tessinerin. Damit war der grosse Auftritt für die 26-jährige aber noch nicht vorbei: am Abend durfte sie an die legendäre Amfar-Gala und sass am Tisch von Starkünstler Damien Hirst." (20Min, 26.5.2014, S. 1)
Nochmals: für diesen Bericht reserviert 20Min am Montag nach dem grossen Europäischen Wahlwochenende die halbe Frontseite. Moll, im Ernst. Dass eine junge Schweizerin in Cannes ans Katzentischchen darf ist für dieses Gratisblatt einfach der bessere Hingucker als Demokratie in Europa.


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Mittwoch, 21. Mai 2014

teach the controversy

verlangen Vertreter des "intelligent design" - Konzeptes (ID), wenn sie mit Vertretern der wissenschaftsbasierten Weltsicht debatiere, und sollen SchülerInne also beide Konzepte der Entwicklung allen Lebens unterrichtet erhalten: das biblische und das naturwissenschaftliche. Das sei fair.

Ganz im Geiste von "teach the controversy" bringt 20Min heute die zweite Sichtweise auf den "Glanz & Gloria"-Auftritt der "Millionärsgattin" I. Beller, nämlich jene von Dani Fohrler, Glanz-&-Gloria-Moderator, und liefert wie für Fortsetzungsgeschichte üblich am Anfang ein kuzes "Was-bisher-Geschah":
"Millionärsgattin Irina Beller prügelte gestern in 20 Minuten verbal auf 'G&G'-Moderator Dani Fohrler ein. Jetzt redet er." (20Min Wil-Winterthur, 21.5.2014, S. 17)
Worauf Herr Fohrler 6 Fragen zum "Vorfall" beantworten darf, dabei eine weitaus entspanntere Figur macht als gestern Frau B und fürs 20Minuten nochmals eine halbe Seite füllt. Die andere Hälfte ist für Werbung reserviert und also fürs Geldverdienen. Es ist die wichtigere Hälfte. Was auf der unwichtigen Hälfte steht - ob Herr F. erzählt oder Frau B. - ist gleich.

Denn wie das Teach-the-Controversy-Getue der ID-Vertreter zielt die Gratiszeitung auf Aufmerksamkeit ab, nicht auf Information.  Aufmerksamkeit nämlich lässt sich verkaufen. An Werbekunden. Information nicht.

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Dienstag, 20. Mai 2014

Da haben sich zwei gefunden, ...

...20Min nämlich und Irina Beller, "Millionärsgattin" von Beruf und Buchautorin ('Hello Mr. Rich') und ausserdem bitter enttäuschter Talkgast der letztwöchigen "Glanz&Gloria"-Sendung auf SRF. Weshalb jetzt 20Min sich anheischig macht, Frau B mit einem 'Interview' zu trösten, das unter dem Titel "Irina Beller: 'Dani Fohrler ist ein unfähiger Clown'" erscheint und zu dem 20Min ganze 3 Fragen und 2 Aussagen beisteuert, nämlich:
"Frau Beller, warum haben Sie sich beim SRF so aufgeregt?"
"Hat man Sie denn nicht auf die Fragen vorbereitet?"
"Werden Sie jemals wieder zu "Glanz & Gloria" gehen?"
"Die Stimmung war schon von Anfang an mies."
"Und der Champagner, den Sie bekommen haben, war warm…"
und Frau B. daraufhin dem 20Min anvertraut, nicht mal Champagner sei es gewesen sondern Prosecco, und dass bei Fam. B. zu Hause man "nur den besten Champagner" trinke, im Fall.

Ironisch ist der Umstand, dass die Millionärsgattin den unfähigsten Clown in der Deutschschweizer Zeitungslandschaft auswählt, um sich über Fernsehclowns und das Champagnertrinken auszulassen;  einen Zeitungsclown zudem, der jeden Tag daherkommt - in Gestus, Sprache, Themenauswahl - als hätte er ein Fläschchen Rasierwasser getrunken.

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(Alle Zitate: 20Min Wil-Winterthur, 20. 5. 2014, S. 16)

Montag, 12. Mai 2014

Autriche, douze points - Conchita wins!

"Die Sensation ist perfekt:"
beginnt 20Min seinen Artikel über den Eurovision Song Contest 2014. Conchita nämlich, die Frau mit Bart, der Mann im Abendkleid, hat gewonnen. 'Sensationell' daran ist aber - folgt man der 20Min-Logik - die Herkunft von Herr/Frau Wurst, denn der Sensationssatz geht so weiter:
"Conchita Wurst alias Tom Neuwirth gewann am Samstag erstmals seit 48 Jahren wieder den Eurovision Song Contest für Österreich". (20min Wil-Winterthur, 12.5.2014, S. 1)
20Min hat richtigerweise gespürt, dass der Ausgang des diesjährigen Eurovision Song Contest aussergewöhnlich ist. Das schmale Kategorienspektrum der Zeitung  stellt für diesen Umstand nur die Bezeichnung "Sensation" zur Verfügung. Und zwar eine "perfekte" Sensation, keine halbbatzige. Worin genau die "Sensation" besteht, kann 20Min dann schon nicht mehr recht ausdrücken. Ist es der Umstand, dass Europa eine bärtige Frau, einen Mann im Pailletten-Kleid, eine homosexuelle "Travestiekünstlerin" so sympathisch findet, dass man ihn/sie zur/zum Siegerin/Sieger wählt? Und dass das etwas über die europäische Gesellschaft aussagt?

Nope. 'Sensationell' ist offenbar, dass Österreich nach 48 Jahren wieder gewinnt. Eine differenziertere Aussage kriegt 20Min nicht auf die Reihe. Und wenn wir genau hinsehen, schafft es 20Min, sogar diese einfache Aussage gegen die Wand zu fahren: Nimmt man den Satz grammatikalisch ernst, dann sagt er nämlich, dass schon vor 48 Jahren Frau Wurst/Herr Neuwirth für Österreich gewonnen hat; richtig wäre z. Bsp: "Mit C.W. alias T.N. gewinnt Österreich erstmals seit 48 Jahren usw." 

Tatsächlich sensationell aber ist der Umstand, dass eine Zeitung jahrelang läppische, undifferenzierte, aufgeblasene Texte produziert und damit durchkommt in einer Gesellschaft, die einmal Wert gelegt hat auf Sorgfalt und Zuverlässigkeit.

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Dienstag, 8. April 2014

"Lehrer" geben "im Beruf auf"

So interpretiert 20Min die statistische Beobachtung, dass 49% der Lehrpersonen innerhalb von 5 Jahren nach  ihrer Anstellung kündigen.
Dass sie vielleicht nur die Stelle wechseln, dass sie vielleich nur unterbrechen und reisen oder sich weiterbilden gehn, dass "die Lehrer" - die übrigens in der Überzahl eine Vagina besitzen - nach einer Schwangerschaft sich um die eigenen Kinder kümmern wollen - all das kommt für 20Min nicht in Frage. Nein, sie "geben im Beruf auf".

Ganz auf Skandal fixiert, beginnt der Artikel mit der Feststellung:
"In den letzten Jahren schlossen mehr Studierende an den Pädagogischen Hochschulen ab. Dennoch (sic) arbeiten einige von ihnen nicht lange als Lehrer". (20Min, Winterthur - Schaffhausen, 7.4.2014, S.11)
Natürlich widersprechen sich die zwei Tatsachen nicht, und ist die eine - mehr 'Lehrer' werden ausgebildet - logisch nicht mit der anderen - EINIGE bleiben nicht lange im Beruf - verknüpft. Die zwei Aussagen mit 'dennoch' zu verbinden ist also falsch. Richtig wäre: Mehr ausgebildete Lehrpersonen, ABER einige arbeiten nicht lange im Beruf. Das wäre dann natürlich kein Negativtrend und deshalb nichts fürs 20Min.

Was all die 'Lehrer' machen, die 'im Beruf aufgeben', ob sie sich eine Anstellung bei 20Min suchen, - als Tellerwäscher in der Kantine oder als Ressortleiter, wissen wir nicht. Das Blatt jedenfalls wirkt, als wäre es von Menschen gemacht, die alles hinter sich gelassen und nichts mehr zu verlieren haben.

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Montag, 24. März 2014

"Premium-Burger bei Fast-Food-Kette"

titelt heute 20Min auf der Frontseite und berichtet dann (zweimal, nämlich auf der Frontseite und nochmals auf S. 13 im Wirtschaftsbund):

- wie er heisst
- was er kostet
- von wem er "entworfen" wurde
- warum er lanciert wird
- was alles drin ist
- welche neuen Beilagen es dazu gibt
- und dass "grosse strukturelle Umstellungen" in den Zubereitunsabläufen nötig waren, welche "im McDonald's-eigenen Innovationscenter in Chicago optimiert" wurden. (20Min. Wil-Winterthur, 24.3.2014, S. 1 & 13)

Was 20Min NICHT schreibt: wie viel Geld oder Werbezusagen dieses Product Placement bringt. Oder ob sich irgendwer auf der Redaktion für diese Form von Journalismus schämt. Journalismus in Anführungszeichen natürlich.



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Dienstag, 18. März 2014

Wie-durch-ein-Wunder-Watch

Bei Wolfenschiessen bleibt ein Gleitschirmpilot mit seinem Schirm 60 Meter über dem Boden in den Seilen einer Bergbahn hängen. Feuerwehr & Rega versuchen zweieinhalb Stunden lang erfolglos, ihn zu bergen. Schliesslich gelingt es dem Piloten, sich abzuseilen. Grosses Drama, und wir warten auf die obligate Wie-Durch-Ein-Wunder-Diagnose, denn der Mann ist unverletzt.

Aber wie durch ein Wunder schafft es 20Min heute fast ohne Metaphysik und schreibt:
"Er blieb mit viel Glück unverletzt." (20Min., Wil-Winterthur, 18.3.2014, p. 2)
Bleibt die Frage, ob man eine solche Situation nicht auch ohne Glück überstehen kann, ausgerüstet einfach nur mit Intelligenz, einem klaren Kopf, technischer Versiertheit und einem Schweizer Taschenmesser. Für die 20Minuten-Voodoo-Redaktion undenkbar.

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Samstag, 22. Februar 2014

WE WANT YOU!

Den Bericht über streunende Chihuahuas, die den Bezirk Maryvale in Phoenix, Arizona, "terrorisieren", beginnt 20Min heute mit dem Satz:
"Es klingt wie eine Szene aus einem lustigen Horrorfilm:" (20Min, Winterthur-Schaffhausen,  21.2.2014, S.13)
Ein "lustiger Horrorfilm", so, so. Wenn wir auch nachvollziehen können, was 20Min da ausdrücken will, so ist es doch gschtabig gesagt. Später im Text werden wir dann informiert, dass
"die kleinen Chihuahuas in Rudeln von 10 bis 15 Tieren durch das Quartier ziehen und versuchen, auch grössere Hunde für ihre Banden zu rekrutieren". (ibid.)
Diese Aussage, so kann man aus dem Ton des gesamten Artikels schliessen, ist nicht ironisierend gemeint, sondern ernst: die Hunde rekrutieren andere Hunde. Was der Artikel dann aber verschweigt ist, dass die Chihuahuas bald mit einem Temporärbüro zusammenspannen wollen und nach und nach der ganze Bandenpersonalbereich extern vergeben werden soll.

Immerhin hat 20Min die Erstversion des Artikels gekübelt. Dort nämlich hiess es noch - in typischem 20Min-Slang - , die Chihuahuas würden brennend und mordend um die Häuser ziehen, hätten ein eigenes Musiklabel gegründet und würden ihre Taten auf Youtube stellen.

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Montag, 17. Februar 2014

schreiben und schiessen oder: wir basteln Empörung

"Schulen entwaffnen Cowboys, Piraten und Ritter an der Kinderfasnacht gleich in  mehreren Kantonen. Sie verbieten das Tragen von Spielzeugpistolen und Plastikschwertern als Teil der Kostümierung. Weil sie echten Waffen zu ähnlich seien." (20Min. 17.2.2014 Winterthur-Schaffhausen, S. 1)
So schreibt 20Minuten heute auf der Front-Seite und hält dann auf S. 3 im Lead zum eigentlichen Artikel fest: "Dies ist bei Fachleuten umstritten."(ibid. S. 3)

Wir stehen vor 2 Generalisierungen: "Schulen" und "Fachleute". Schauen wir uns also an, was 20Min uns im Bericht als "Schulen" auftischt:

1: "ein Zürcher Kindergarten" spricht in einem Elternbrief ein Spielzeugwaffen-Verbot für die "Kinderfasnacht" aus: no pistols, no bows 'n arrows, no swords. Erfahren hat 20min das aus der Sonntagszeitung.

2.,3. & 4.: In der "Kita Luftibus in Winterthur", dem "Montessori-Kindergarten in Baar ZG" und dem "Kinderhaus Sunnehöfli in Kreuzlingen TG" (ebenfalls eine Montessori-Institution, was 20Min verschweigt) wird "die Fasnacht ohne Spielzeugwaffen gefeiert". (ibid., S.3)

Nach den Gründen, warum diese 4 Institutionen für Kleinkindbetreuung* - 3 davon mit privater Trägerschaft - Waffen an der Fasnacht verbieten, fragt 20Minuten aber nicht, sondern kommt jetzt überraschend auf die "Schule Herrliberg" zu sprechen: diese nämlich - und es ist die einzige Schule im ganzen Text - begründet ihr ganzjähriges Verbot von Spielzeugwaffen damit, dass sie "echten Waffen teilweise sehr ähnlich" sehen. Die Herrliberger Begründung wiederum schiebt 20Minuten dann den übrigen Institutionen in die Schuhe.

Das Herrliberger Verbot hat aber nichts mit Fastnacht zu tun. Deshalb nämlich gilt es das ganze Jahr - wie es an vielen Schulen, vor allem auch vielen Oberstufen vernünftigerweise gilt. Seit vielen Jahren. Weil wir auf dem Pausenplatz niemandem begegnen wollen, von dessen Glock 19 oder Ruger LC9 wir nicht wissen, ob sie Chäpseli- oder 9mm-Kaliber hat.

Fassen wir zusammen: Keine Schule hat wegen der Fasnacht das Pistolentragen verboten. Verboten sind in vielen Schulen aber echt wirkende Spielzeugwaffen, und zwar ganzjährig. Nämlich weil sie echt wirken. "Schulen" entwaffnen also keine Cowboys & Piraten. Sondern eine (1!) Zürcher Kindergärtnerin und 3 privat finanzierte Kleinkinder-Institutionen wollen die Fasnacht ohne Spielzeugwaffen feiern. Und die Begründung dafür ist nicht, dass die Spielzeugwaffen richtigen Waffen zu ähnlich sind. Es sind nämlich auch Entersäbel aus offensichtlichem Sperrholz untersagt.

Auftritt Allen Guggenbühl. Dass er Verbote nicht gut findet, war zu erwarten. Ich teile seine Einstellung. Ich habe meine Chäpselipistole gemocht und keinen Schaden genommen. Aber darum geht es nicht. Wie wir gesehen haben, berichtet 20Minuten einen Schmarren und räumt jetzt Guggenbühl innerhalb dieses Schmarrens Platz ein für 9 Stumpelsätzchen. In 9 Stumpelsätzchen kann er nur undifferenzierten Schmarren sagen. Er müsste sich dem Format 20Min verweigern. Weil 20Minuten andauernd mit Äpfeln gegen Birnen argumentiert.

Die Gefahr, dass wir 20Min das Schreiben verbieten müssen, weil es gutem, informativem, differenziertem Schreiben "teilweise sehr ähnlich sieht", besteht übrigens nicht.

*Die Betriebsreglemente dieser Betreuungsstätten kann man googeln und erfährt dann: die Kita Luftikus Winti betreut Babys ab 12 Wochen bis Kinder im Kindergartenalter, das Kinderhaus Sunnehöfli X-lingen - wie der von 20Min zitierte Baarer Kindergarten eine Montessori-Institution, bietet einen Hort und Kindergarten nach Montessori-Prinzipien.

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