Freitag, 31. Mai 2013

Auf einem Fels im Atlantik

möchte ein Brite ausharren, und zwar 60 Tage lang, berichtet 20Minuten heute im Auslandbund auf S.15.
Dann zählt die Zeitung auf, was der Mann  für die zwei Monate an Ausrüstung mitnimmt und stellt fest:
"Bis zu einer halben Tonne Ausrüstung hat er dabei" (20Minuten, Wil-Winterthur, 31.5.2013, S. 15)
Das ist natürlich falsch. Es würde bedeuten, dass der Brite sich öfter bzw. immer wieder mal für 2 Monate auf den Felsen begibt und jeweils Ausrüstung mitnimmt, die das Maximalgewicht von 500 kg nicht übersteigt. Was 20 Minuten eigentlich sagen will, ist: "Fast eine halbe Tonne Ausrüstung hat er dabei"

Natürlich ein Detail. Und doch symptomatisch. Es geht um den Unterschied zwischen der Aussage über einen Einzelfall ("fast") und der Aussage über ein generelles Muster ("bis zu"). Und wie wir schon öfter gesehen haben, kann 20Minuten genau das nicht auseinanderhalten. Die Zeitung lebt von Generalisierungen - darüber nämlich kann man schön allgemein und unkonkret schreiben - und sieht überall Trends: immermehr, immerweniger, immerhäufiger, immerbrutaler.

Und so warten wir also auf Schlagzeilen wie diese:
Immer mehr Briten begeben sich auf einen Felsen im Atlantik!
oder:
Schweizer lesen am Morgen fast eine halben Tonne Käse!
oder vielleicht:
20Minuten enthält in der heutigen Ausgabe bis zu vier Informationen!
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Dienstag, 28. Mai 2013

"Es" passiert.

"SRF: Kandidat in Gefahr gebracht?" fragt 20Minuten heute auf S. 17 scheinbesorgt und diagnostiziert einen Beinahe-Unfall bei den Dreharbeiten zur "Schweizer Survival-Show 'Das Experiment'", wobei das Blatt gleich zu Beginn der Berichterstattung festhält, dass die Sendung im Fall "kein Kindergeburtstag" sei. Die Ausgangslage sieht so aus (zu den durchgestrichenen Wörtern weiter unten Genaueres):

Die Kandidaten müssen "den berüchtigten Fluss Maggia" durchqueren, wobei 20Minuten vorausschickt, dass es "in der Maggia schon mehrmals zu tödlichen Unfällen" gekommen und gerade "erst vor wenigen Wochen [...] ein 24-jähriger Mann in den Fluten" ertrunken sei.

Dass sie schon mehrere Menschenleben gefordert haben, ist aber für alle Schweizer Fliess- und Standgewässer wahr und für sich genommen deshalb keine Aussage über die spezifische Gefährlichkeit eines Gewässers; dafür müsste man die Menge der Todesfälle in Relation setzen zu einer anderen Menge - der Anzahl badender Menschen pro Zeiteinheit beispielsweise. Das natürlich kann 20Minuten nicht leisten.

20Minuten erklärt als nächstes, dass der Kandidat Raphael "nicht schwimmen" kann bzw. ein "Nichtschwimmer" sei - um dann weiter unten im Text den Kandidaten Raphael mit der folgenden Aussage zu zitieren: "Ich hatte dem Schweizer Fernsehen gesagt, dass ich ein schlechter Schwimmer bin".

Dass 20Minuten den Kandidaten Raphael entweder falsch zitiert oder falsch verstanden hat, ist aber nur marginal ärgerlich.

Richtig ärgerlich ist, dass 20Minuten offenbar denkt,
1: SRF verlasse sich auf die Schwimmfähigkeit der Kandidaten und sorge nicht mit Schwimmwesten, Sicherungsleinen und Sicherungspersonal für grösstmögliche Sicherheit, und
2: die Frage, wie gut man schwimmen könne, mache in einem schwierigen Fliessgewässer einen grossen Unterschied beim Überleben, und es sei vernünftig, sich ungesichert in ein schwieriges Fliessgewässer zu begeben, wenn man ein guter Schwimmer sei - zumal 20Min berichtet, die Wassertemperatur sei 3 Grad gewesen (= Nordatlantik bei Spitzbergen)

SRF nämlich macht das einzig Vernünftige: es behandelt alle Kandidaten, wenn sie in drei Grad kaltes Wasser steigen, wie potentielle Nichtschwimmer.

Aber weiter im Text:

"Dennoch" (nämlich obwohl in dem Fluss schon Menschen ertrunken sind) steigt also Raphael
"mit Sack und Pack in das knapp drei Grad kalte Wasser. Nach wenigen Minuten passiert es: Raphael bekommt Panik, verliert die Kontrolle und seine Kräfte. Er droht zu ertrinken. Ein Überlebensexperte fischt den Berner Kaufmann gerade noch rechtzeitig aus dem Wasser.
Quellangaben für diese Aussagen - dass der Kandidat Raphael 'zu ertrinken drohte' und dass die Rettung 'gerade noch rechtzeitig' erfolgte - liefert 20Minuten nicht und zitiert stattdessen den Kandidaten Raphale, nämlich mit den Worten "Ich hatte plötzlich den Boden unter den Füssen verloren und Angst bekommen", offenbar in der Meinung, dieses Zitat sein ein gutes Indiz für den kurz bevorstehenden Ertrinkungstod von Kandidat Raphael und nicht einfach Ausdruck seiner Panik in einer ihm bedrohlich scheinenden Situation.

Aus den weggestrichenen Manipulationswörtern und -wendungen kann man übrigens ein wunderbares Manipulationsgedicht machen, wenn man sie nicht wegschmeissen will:

berüchtigt.
schon mehrmals
in den Fluten,
erst vor wenigen Wochen.

dennoch!

nach wenigen Minuten passiert es:
Er droht zu ertrinken

gerade noch recht-
zeitig
!

Und ohne die Manipulationswörter liest sich der Bericht zugegeben unspannend - aber ev. näher an der Wahrheit?:
"Die Kandidaten müssen den Fluss Maggia durchqueren. Wie in allen Gewässern sind auch in der Maggia Menschen ertrunken, vor wenigen Wochen zum Beispiel ein 24-jähriger Mann. Raphael ist ein schlechter Schwimmer. Mit Sack und Pack steigt er in das knapp drei Grad kalte Wasser. Nach wenigen Minuten bekommt er Panik und verliert die Kontrolle und seine Kräfte. Ein Überlebensexperte fischt den Berner Kaufmann aus dem Wasser."

Vielleicht ist das Strohfeuer aber auch nur Werbung für die Sendung. Schliesslich wäscht eine Hand die andere.

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Freitag, 24. Mai 2013

"mit Hackmessern massakriert / bestialische Enthauptung"

So informiert 20Minuten heute über den Mord an einem jungen Mann durch zwei "Islamisten". Natürlich könnte man über Umstände und Hergang des Mordes auch anders schreiben, weniger videogamig. Die Täter verwendeten ein Fleischbeil (Singular) und Küchenmesser, die Pluralform "mit Hackmessern" ist also faktisch falsch. Und wer hat beschlossen, dass der Mann nicht ermordet wurde, sondern dass ihn die Täter "massakrierten"? Wurde er nicht 'getötet' oder - wenn der Chefredaktor mehr Emotion fordert - 'regelrecht hingerichtet'? Und wer  hat der Redaktion berichtet, dass der Mord 'bestialisch' geschah ('a bestiality' auf englisch)? Oder hat die Redaktion das Wort aus eigener Initiative gewählt?  Das Wort ist an der Stelle grammatisch nicht nötig ("Grossbritannien steht nach der bestialischen Enthauptung eines Soldaten unter Schock"). 'Bestialisch' soll also eine Zusatzinformation geben, die dem Verfasser wichtig scheint.

Und dann dieser eigenartige Satz:
"Der 25-jährige Vater war zwar Soldat, spielte zuletzt aber nur noch in einer Militärkapelle." (20Minuten, Wil-Winterthur, 24.5.2013, S. 1) 
Will 20Minuten damit sagen, er war kein 'richtiger' Soldat? Er hat immerhin in Afghanistan Dienst geleistet, wie andere Zeitungen wissen. Und steht es 20Minuten zu, die genaue Funktion des Soldaten mit "zuletzt nur noch" zu werten? War Lady Di bei ihrem Tod 'nur noch' eine Ex-Prinzessin? Überhaupt  ist die starke Einschränkung im Satz mit Hilfe von gleich drei Konjunktionen augenfällig (zwar / aber / nur). Sie richtet sich offenbar gegen die Aussage der mutmasslichen Täter, sie hätten einen Soldaten töten wollen und ihre Tat sei die Reaktion auf Taten des Militärs in Afghanistan. Aber warum begibt sich 20Minuten auf das Argumentationsniveau der Täter ?

Der Artikel ist in der Wortwahl der Sache und dem Opfer gegenüber respektlos. Damit - weil er der Sache gegenüber respektlos ist - zeigt er auch gegenüber den Leserinnen und Lesern keinen Respekt. 2 Männer begehen einen Mord, den sie als politische Tat und als Beitrag an die Befreiung eines islamischen Landes ausgeben, den die übrige Welt aber als sinnlose Tat sieht. Muss man das als verbalen Video-Ego-Shooter berichten? Und hätte 20Minuten es so berichtet, wenn die Täter Weisse gewesen wären und das Opfer schwarz oder braun?

Glenn Greenwald über die Frage, ob man die Tat Terrorismus nennen kann

Apache gun camera

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Schlagzeilenkunst

Gutes Texthandwerk findet man heute im Blick am Abend auf S. 3:
Nämlich bei nur 10 Grad Temperatur wollen die Bienen nicht ausfliegen und ihren Bestäubungsauftrag erledigen, weshalb Obstbauern sich Hummeln zulegen. Das und viel mehr zum Thema Hummeln steht in einem kurzen, ohne Stolpersteine verfassten Text, gutes Deutsch, differenzierte Infos. Und der Titel? Verschmitzt, vielschichtig, bienenspezifisch:
Hummeln steigen für Bienen in die Hosen

Blick, I love you.

Mittwoch, 22. Mai 2013

6 Schlagzeilen...

Ausgesprochen spielerisch, kreativ, verschmitzt, wie 20Minuten heute redaktionelle und Werbe-Inhalte vermischlet und ineinanderlayoutet: Wer findet unter den 6 Schlagzeilen A-F die Werbezeile? (20Minuten, Wil-Winterthur, 22.5.2013, p.7)

A: PETITION FÜR POSTSTELLEN
B: GRAUER MAI: DER TOURISMUS LEIDET
C: JA ZU BUSLINIE 12 UND ROLLTREPPE
D: IN ST.GALLEN DER STAR UNTER DEN COFFEE-DRINKS
E: DEUTSCHER TÖFF-RASER MIT 146KM/H GEBLITZT
F: ZWEI VERLETZTE BEI UNFALL



Wo genau die Berichterstattung aufhört und die Werbung anfängt? Für 20Minuten keine weltbewegende Frage.

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Dienstag, 21. Mai 2013

"erst "und "bereits"

oder: wie man Thesen stützt.

Unter der Anklage: "SINGELS TREIBEN DIE MIETEN IN DIE HÖHE" schreibt 20Minuten heute auf der Titelseite:
"Waren 1980 erst 28,9 Prozent der Privathaushalte Single-Haushalte gewesen, waren es 2010 bereits 36,4 Prozent, so die neuesten Zahlen des Bundes." (20Minuten, Wil-Winterthur, 21.5.2013, S.1)
Sehen wir ab vom originellen Gebrauch der Zeitformen. Warum sind 28,9 Prozent "erst", und 36,4 Prozent "bereits"? Ist ein Zuwachs von 7,5 Prozent Singelhaushalten über einen Zeitraum vom 30 (dreissig!) Jahren tatsächlich ein Trend, der sich von "erst" nach "bereits" bewegt? Ginge nicht auch: "1980 waren 'bereits' 28,9 Prozent der Privathaushalte Singelhaushalte; 2010 sind es nur knapp - bzw. 'erst' - 7,5 Prozent mehr"?

Aber nein. Zu komplex. 20Minuten will nicht denken, abwägen, ev. sogar auf einen Trend verzichten. Wo kämen wir hin wenn die Zeitung statt täglich "DIE WELT GEHT DEN BACH RUNTER!" zu schreien plötzlich schreiben müsste: "Trotz der grossen gesellschaftlichen Umwälzungen der letzten 30 Jahre hat die Zahl der Singelhaushalte nur wenig zugenommen".

20Minuten will Veränderung konstatieren. Am liebsten solche zum Schlechteren. G'haue oder g'schtoche.

Und nur nebenbei, 20Minuten: Treiben Singels tatsächlich Mieten in die Höhe? Sind es nicht eher Hausverwaltungen und -besitzer, die Mieten festlegen? Und ist es der Zucker, der dich dick macht - oder deine Art zu leben? Tja, Fragen über Fragen.

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Freitag, 17. Mai 2013

"Märchen geht weiter: Schweiz im Halbfinal"

schreibt 20Minuten heute auf der Frontseite. Und fährt ganz in der Tradition grosser Geschichtenerzähler fort: Das Auftreten der Schweizer Eishockeyaner an der WM sei eine "unheimliche Erfolgsgeschichte" und diese um ein "wunderbares Kapitel" reicher.

"Märchen." "Unheimlich". "Wunderbar". Und wir haben erst die Schlagzeile und den ersten Satz hinter uns. Es geht aber nicht um Stiefmütter, Zwerge, Einhörner, Zaubertischchen oder Wölfe. Sondern: Die Schweiz spielt Eishockey, und sie spielt im Moment offenbar gut. 20Minuten kann uns das nicht wie erwachsenen Menschen berichten. Die Zeitung redet mit uns wie eine Grossmutter mit ängstlichen Kindern im finsteren Mittelalter. Denen man Lebenswahrheit mit Metaphern weitergibt, am Herdfeuer, abends, raunend - Märchen eben.

20Minuten - von der Eishockey-WM
berichtend
(Albert Anker via Wikimedia Commons)
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Mittwoch, 15. Mai 2013

"Schweizerin dreht mit Ronaldos Ex"*

- nämlich einen Bollywood-Film im Wallis, titelt 20Minuten heute im People-Segment. Und illustriert damit zwei Grundpfeiler der 20minütigen Weltsicht:

a) Man kann eine Person auf ihre Nationalität reduzieren. Doch, momoll, das geht gut.
b) Wie das Turiner Grabtuch oder Splitter vom wahren Kreuz sind Fussballerfreundinnen für sich genommen nichts wert, sondern erhalten Wert nur Kraft ihres Kontaktes mit dem Göttlichen - in unserem Fall Jesus bzw. Ronaldo.
c) Was einmal vom Göttlichen - in unserem Fall Jesus bzw. Ronaldo - berührt wurde, wird zur Reliquie (wobei Grabtuch, Splitter & Exfreundin zur zweiten von drei Reliquienkategorien gehören, den sog. "echten Berührungsreliquien") und bildet eine Brücke zwischen der diesseitigen, gegenwärtigen Welt und dem Göttlichen.

Ok, das waren DREI Grundpfeiler.

Was die Schlagzeile also macht: Sie schafft eine Verbindung zwischen Ronaldo und der Schweiz. Über eine etwas brösmelige Argumentationskette zwar (Frau mit Schweizerpass - Bollywood-Film - Exfreundin von Ronaldo), aber es ist der gute Wille, der zählt. Und ist dann schon fast so als würde Ronaldo beim FCZ tschutten.

Wie kleinmütig, wie minderwertigkeitskomplexig diese Haltung doch ist. Andererseits: jedes Volk hat die Zeitung, die es verdient.

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*(20Minuten, Wil-Winterthur, 15.5.2013, S.21)

Montag, 13. Mai 2013

We are the champions

bzw. "Wir sind die Superstars der Deutschen" grölt und lallt 20Minuten heute auf der Titelseite, schüttet dann Bier nach, rülpst, wischt sich mit dem Fan-Schal den Mund, rülpst nochmals, unsicher auf den Beinen, unsicher im Kopf.

Dass "Deutschland sucht den Superstar" von einer Sängerin gewonnen wurde, die einen Schweizerpass besitzt, reicht aber nicht. Nein, mit Beatrice Egli
"gewinnt die Schweiz die zweite Staffel von 'Deutschland sucht den Superstar' in Folge." (20Minuten, Wil-Winterthur, 13.5.2013, S.1)
Es war offenbar ein Länderturnier. Und 'wir' sind offenbar besser als Deutschland. Das ist es, was in die Welt hinaus muss - findet das Blatt, das sich rühmt, unter Schweizer Führungskräften das meistgelesene zu sein. Ist dieses Fixiertsein auf Länderwettkämpfe auch dort, wo gar keine stattfinden, schon chauvinistisch oder noch infantil?

Immerhin findet die Zeitung - nebst zwei Werbebannern für Fastfood und Immobilien - noch für eine zweite Schlagzeile Platz auf der Titelseite: "Drei Tote: Bluttaten erschüttern Schweiz".

So durchquert also der Pendlerzug nach Winterthur heute Morgen ein Land, das siegestrunken und bluttatenerschüttert die neue Arbeitswoche in Angriff nimmt, unsicher im Kopf, kognitiv dissonant, mit Infos entertained.

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