"Die Sensation ist perfekt:"beginnt 20Min seinen Artikel über den Eurovision Song Contest 2014. Conchita nämlich, die Frau mit Bart, der Mann im Abendkleid, hat gewonnen. 'Sensationell' daran ist aber - folgt man der 20Min-Logik - die Herkunft von Herr/Frau Wurst, denn der Sensationssatz geht so weiter:
"Conchita Wurst alias Tom Neuwirth gewann am Samstag erstmals seit 48 Jahren wieder den Eurovision Song Contest für Österreich". (20min Wil-Winterthur, 12.5.2014, S. 1)
20Min hat richtigerweise gespürt, dass der Ausgang des diesjährigen Eurovision Song Contest aussergewöhnlich ist. Das schmale Kategorienspektrum der Zeitung stellt für diesen Umstand nur die Bezeichnung "Sensation" zur Verfügung. Und zwar eine "perfekte" Sensation, keine halbbatzige. Worin genau die "Sensation" besteht, kann 20Min dann schon nicht mehr recht ausdrücken. Ist es der Umstand, dass Europa eine bärtige Frau, einen Mann im Pailletten-Kleid, eine homosexuelle "Travestiekünstlerin" so sympathisch findet, dass man ihn/sie zur/zum Siegerin/Sieger wählt? Und dass das etwas über die europäische Gesellschaft aussagt?
Nope. 'Sensationell' ist offenbar, dass Österreich nach 48 Jahren wieder gewinnt. Eine differenziertere Aussage kriegt 20Min nicht auf die Reihe. Und wenn wir genau hinsehen, schafft es 20Min, sogar diese einfache Aussage gegen die Wand zu fahren: Nimmt man den Satz grammatikalisch ernst, dann sagt er nämlich, dass schon vor 48 Jahren Frau Wurst/Herr Neuwirth für Österreich gewonnen hat; richtig wäre z. Bsp: "Mit C.W. alias T.N. gewinnt Österreich erstmals seit 48 Jahren usw."
Tatsächlich sensationell aber ist der Umstand, dass eine Zeitung jahrelang läppische, undifferenzierte, aufgeblasene Texte produziert und damit durchkommt in einer Gesellschaft, die einmal Wert gelegt hat auf Sorgfalt und Zuverlässigkeit.
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